DI GIANNA NTONIO: MARTINS ERSTER APRILIA-EINDRUCK ZEIGT, WAS DUCATI FEHLT
5d ago·

Fabio di Giannantonio hat nach dem Mugello-Wochenende erneut einen zentralen Unterschied zwischen Ducati und Aprilia herausgestellt: Während die RS-GP von Aprilia in den Kurven sehr präzise wirkt und die Reifen bis zum Rennende besser zu managen scheint, sieht der VR46-Pilot bei der Desmosedici vor allem am Vorderrad einen wachsenden Schwachpunkt. Der Kontext: Beim Mugello-Rennen hatte Pecco Bagnaia in einem „Inside Ducati“-Video über ein verbessertes Frontgefühl gesprochen. Auf die Frage, ob sich das Vorderrad weiter verbessert habe, antwortete Bagnaia sinngemäß, man habe einen Schritt nach vorn gemacht, indem man das Gewicht nach vorne verlagert habe.
Di Giannantonio, der in der WM aktuell Dritter ist (hinter den Aprilia-Fahrern Marco Bezzecchi und Jorge Martin), erklärte anschließend in Balaton Park, warum das Thema Front bei Ducati so stark ins Gewicht fällt. Er sagte, seit seinem Einstieg ins Ducati-Werksteam vor eineinhalb Jahren sei klar geworden, dass man am Vorderrad arbeiten müsse, weil es der Schlüssel sei, um die Gesamtleistung maximal auszuschöpfen. Gleichzeitig stellte er den Zusammenhang zwischen Front- und Hinterreifenmanagement her: Aprilia könne offenbar „in unglaublicher Weise“ in die Kurven einlenken, und genau dieses Verhalten helfe dabei, die Reifen bis zum Ende zu schonen. Der entscheidende Punkt sei dabei, dass Aprilia das, was mit dem Vorderrad erledigt werden müsse, erledige und dann mit dem Hinterrad aus der Kurve heraus arbeite.
Ducati sei dagegen stärker mit dem Hinterreifen „verknüpft“. Di Giannantonio beschrieb, dass das Motorrad bei Ducati viel über das Hinterrad funktioniere: Wenn man das Hinterrad sehr gut managen könne, bestehe eine Chance. Allerdings sei es dann schwieriger, gleichzeitig aggressiv zu fahren und die Präzision zu erreichen, die Aprilia aktuell am Vorderrad ausspiele. In der Praxis bedeute das für Ducati-Fahrer, dass sie mehr Risiko am Vorderrad eingehen müssten, um den Hinterreifen zu schützen. Di Giannantonio bezog sich dabei auf seine eigene Mugello-Rennleistung: Er habe das Rennen über das Hinterrad stark „gespart“, aber das Vorderrad dabei zehnmal „geschlossen“ (also wiederholt stark belastet bzw. in kritische Bereiche gebracht). Das zeige, wie viel man am Frontbereich riskieren müsse, um hinten nicht zu viel zu verlieren.
Als weiterer Beleg für den Unterschied wurde Jorge Martins erster Eindruck von der Aprilia RS-GP herangezogen. Di Giannantonio knüpfte an Martins Wechsel von Pramac-Ducati zur Aprilia an und verwies auf den Barcelona-Test. Damals sei Martins erste Rückmeldung gewesen, dass das Vorderrad „beeindruckend“ sei. Für den Italiener ist das „kein Geheimnis“: Ducati habe in früheren Jahren Probleme am Frontbereich teilweise kaschieren können, weil man in anderen Bereichen noch deutliche Vorteile hatte. Mittlerweile sei die Konkurrenz aber näher herangerückt, in einigen Punkten sogar auf Augenhöhe. Wenn das Motorrad nun „an die echten Grenzen“ gebracht werden müsse, werde das Vorderrad zum kritischeren Punkt und damit sichtbarer.
Di Giannantonio verwies außerdem auf frühere Situationen, in denen Ducati-Fahrer Schwierigkeiten mit dem Frontbereich hatten. Er erinnerte daran, dass Pecco Bagnaia 2023 in Austin zunächst gesagt habe, das Motorrad sei „zu gut“, dann aber plötzlich das Vorderrad verloren habe, ohne die Ursache sofort zu verstehen. Auch er selbst, Bagnaia und teils Marc Marquez hätten in der Vergangenheit mit dem Front zu kämpfen gehabt. Marquez sei zwar „für sicher unglaublich“ gewesen, habe aber teils mit dem Vorderrad gestürzt, ohne es vorher vollständig einordnen zu können.
Trotz der Kritik betonte Di Giannantonio, dass Ducati insgesamt weiterhin ein starkes Paket habe. Das Motorrad sei „immer“ ein Superbike gewesen, der Gesamtaufbau und die Komponenten seien beeindruckend. Dennoch werde das Vorderrad bei hohem Leistungsniveau und maximalem Pushen zunehmend zum Thema. Er stellte zudem die aktuelle Siegverteilung als Indiz dar: Ducati habe in dieser Saison bisher nur Grand-Prix-Siege durch Alex Marquez in Jerez und durch ihn selbst in Barcelona geholt. Die übrigen fünf Siege gingen an Aprilia, darunter der jüngste Triumph in Mugello.
Di Giannantonio schloss daraus, dass Ducati durchaus Chancen habe und mit Aprilia um die vorderen Plätze kämpfen könne. Gleichzeitig sei Aprilia aktuell in einem entscheidenden Bereich „ein bisschen mehr“: Aprilia bremse mehr mit dem Vorderrad und nutze das Hinterrad vor allem für den Ausgang aus der Kurve. Ducati mache dagegen „alles mit dem Hinterrad“. Wenn das Hinterrad nicht optimal gemanagt werde, könne das zu einem deutlichen Leistungsabfall führen. Damit bleibt das Thema Front bei Ducati nicht nur ein Gefühl, sondern ein strategischer Hebel, der direkt mit Reifenverschleiß, Risiko und Rennkonstanz zusammenhängt.