JORGE LORENZO KLÄRT SEINE DUCATI-AUSSAGE NACH „TRACTOR“-SPRÜCHEN
28 May·

Jorge Lorenzo hat in mehreren Interviews seine jüngsten Aussagen zu den aktuellen MotoGP-Bikes von Aprilia und Ducati eingeordnet – und dabei sowohl technische als auch sportliche Aspekte der Saison 2026 beleuchtet. Im Mittelpunkt stand zunächst ein Vergleich, bei dem Lorenzo die Ducati 2026 als „Traktor“ bezeichnet hatte. Der dreifache MotoGP-Weltmeister (2010, 2012, 2015) und frühere 250-ccm-Champion (2006, 2007) hatte die Formulierung in einem Podcast (Duralavita) verwendet und dabei Aprilia als das „kleinere, agilere“ Paket beschrieben: Die Aprilia-Bikes würden „am Boden kleben“ und sich wie ein „Mini-Bike“ drehen, während sich die Ducati „wie ein Traktor“ anfühle.
Nachdem die Aussage für Diskussionen gesorgt hatte, stellte Lorenzo klar, dass er damit keine abwertende Absicht verbunden habe. In einem weiteren Gespräch mit der spanischen Zeitung Marca erklärte er, warum der Begriff gefallen sei: Die Ducati sei „größer, rauer und ein wenig schwerer“, insbesondere in Kurven. Lorenzo betonte zugleich, dass das für ihn kein „Desaster“ bedeute: Die Ducati sei weiterhin „sehr konkurrenzfähig“, gewinne Rennen und liege in der Leistungsdichte nicht weit hinter der Aprilia. Seine Einschätzung habe sich bereits im Verlauf des Preseasons-Trainings verfestigt, als er gesehen habe, wie die Aprilia auf der Strecke handle. Er sagte, er habe damals bereits gedacht: „Dieses Bike wird gewinnen“, weil es stärker in die Kurve gehe und eine bessere Kurvengeschwindigkeit biete. Dass die Aprilia in den Rennen nicht nur bei den Werkspiloten präsent sei, sondern auch bei Fahrern wie Ogura und Raúl Fernández, sei für ihn ein Hinweis darauf, dass das Motorrad „etwas Extra“ habe.
In diesem Kontext lobte Lorenzo auch die Aprilia 2026 in technischen Bildern: Er beschrieb sie als „beeindruckend“, „so kompakt, so niedrig und so agil“. Entscheidend sei das starke Einlenk- und Schräglagenverhalten („sie lehnt mehr“), das sich für ihn wie „festgeklebt am Boden“ anfühle. Besonders in den engsten Links- und Rechts-Chicanen seien die Aprilia-Bikes schneller. Lorenzo verband diese Beobachtungen mit der Frage, warum Ducati in dieser Saison unter Druck geraten ist.
In einem weiteren Bericht wurde zudem hervorgehoben, dass Lorenzo bereits früh erkannt habe, dass Ducati „in Schwierigkeiten“ stecken werde. Laut seiner Darstellung habe er Aprilias GP26-Bike als dominanteres Paket wahrgenommen, nicht nur in den Ergebnissen, sondern auch in Bezug auf die Innovationsrichtung. Aprilia habe bestimmte Entwicklungen bereits umgesetzt, während Ducati diese erst „gerade jetzt“ nachziehe. Lorenzo erklärte, dass die Saison deshalb so spannend sei, weil man zwar Favoriten mit hoher Wahrscheinlichkeit prognostizieren könne, aber eben immer ein Anteil an Überraschungen bleibe. „Niemand erwartete, dass die Aprilias so dominant sein würden“, sagte er sinngemäß – und genau das sei eingetreten. Gleichzeitig machte er klar, dass er die Situation für Ducati nicht als überraschend im Sinne einer plötzlichen Erkenntnis gesehen habe: Er habe „sofort“ gedacht, dass es für Ducati ohne große Änderungen „unmöglich“ werde, die Aprilia einzuholen.
Neben dem Aprilia-Ducati-Thema griff Lorenzo auch die Situation um Marc Marquez auf. In einem weiteren Interview erklärte er, dass Marquez trotz des sportlichen Abwärtstrends bei Honda möglicherweise weiter Titel hätte gewinnen können – vor allem wegen seines außergewöhnlich hohen „physischen Peaks“ in der Phase, in der er bei Honda auf einem sehr hohen Niveau gefahren sei. Lorenzo verwies darauf, dass Marquez zwischen 2013 und 2017 zwar nicht immer die komplette Dominanz hatte, aber in dieser Zeit besonders stark war, während Dani Pedrosa als Teamkollege regelmäßig in den Top sechs landete. Danach sei die Entwicklung auf der anderen Seite der Garage jedoch ein Indikator für Hondas Verlauf gewesen: Pedrosa rutschte 2018 auf Platz 11 ab und beendete später seine Karriere, Lorenzo selbst platzierte sich in seiner einzigen Saison nach Verletzungen auf Rang 19, und auch die Ersatzfahrer sowie Pol Espargaro und Joan Mir hätten in den Folgejahren eher im unteren Bereich gelegen.
Lorenzo argumentierte, dass Marquez zwar auch nach mehreren Operationen und Verletzungen noch konkurrenzfähig geblieben sei – etwa mit drei Siegen 2021, acht Top-6-Platzierungen im Folgejahr und sogar einem Podest mit dem 2023er Motorrad in Motegi. Dennoch sei die entscheidende Frage, dass Marquez’ körperliche Perfektion in der Saison 2019 ein Niveau gewesen sei, das sich so nicht wiederholen werde. Er sagte, ein „physisch perfekter Marquez“ hätte möglicherweise auch mit der Honda nicht zwingend Titel verloren. In der aktuellen Phase müsse Marquez jedoch „kompensieren“, „sich anpassen“ und dadurch hätten die Rivalen einen Vorteil. Lorenzo stellte außerdem den Zusammenhang zwischen häufigen Stürzen, Verletzungen und der langfristig steigenden Wahrscheinlichkeit weiterer Probleme her.
Zum Zeitpunkt der Berichterstattung war Marquez für den Italien-Grand-Prix als Rückkehrer vorgesehen, sofern er in den Trainings ohne Probleme durchkommt. Er hatte zuvor das Rennen in Le Mans sowie das gesamte Wochenende in Katalonien verpasst, nachdem Eingriffe an Fuß und Schulter erfolgt waren. Auch am Saisonende zuvor hatte er mehrere Rennen wegen eines Schulterproblems verpasst. Die Berichte erwähnen zudem, dass frühe Leistungen 2026 teilweise mit einem Problem an einer Schraube zusammenhingen, die auf einen Nerv gedrückt habe. Gleichzeitig wurde betont, dass Marquez schnell wieder in Topform kommen müsse, um im Titelkampf noch eine Rolle zu spielen: Der Rückstand auf den Tabellenführer Marco Bezzecchi wird mit 85 Punkten beziffert.
In Summe zeichnen die Aussagen von Jorge Lorenzo ein Bild einer Saison, in der Aprilia mit einem sehr agilen, kompakten und in Kurven starkem Konzept früh einen Vorsprung aufgebaut hat, während Ducati erst später nachziehen konnte. Gleichzeitig ordnet Lorenzo die sportlichen Entwicklungen um Marquez und Honda als Folge von körperlicher Belastung und Verletzungsdynamik ein – und verbindet damit die Frage, wie viel ein Fahrer trotz technischer und gesundheitlicher Veränderungen noch an Spitzenleistungen abrufen kann.